Es beherrscht seit Tagen die Schlagzeilen und das nicht nur in Israel. Auch hierzulande ist es ein Thema, das noch längst nicht erschöpft ist: Die Verhinderung eines Attentats mit einem Flugzeug voller israelischer Passagiere auf ein unbekanntes Ziel in Israel.
Das ganze wäre ein zweites 9/11 geworden, nur diesmal in Israel. Der Publizist Hen Mazzig weist darauf hin, dass eine Lehre aus 9/11 darin bestand, Cockpits vor Terroristen zu schützen, die versuchen könnten, das Flugzeug zu entführen und zum Absturz zu bringen.
Es sei denn, der Terrorist sitzt bereits im Cockpit.
Das ist die eine Frage, wie man nämlich Szenarien wie das kürzlich erfolgte verhindert, als der Pilot einer flydubai-Maschine nach Israel mit einer Axt seinen Co-Piloten auszuschalten versuchte, um die Maschine im Alleingang über Israel zum Absturz zu bringen.
Der Pilot hatte zuvor schon wegen extremistischer Ansichten als Sicherheitsrisiko gegolten und durfte deswegen bei seinem früheren Arbeitgeber Oman Air nicht länger fliegen. Piloten, die Flugzeuge nach Israel steuern, besser auf ihren Hintergrund zu checken, ist der eine Teil der Lehre daraus.
Was hätte passieren können
Der andere Teil ist ungleich grösser. Denn grundsätzlich stellt sich die Frage, wie ein Land damit umgehen soll, wenn ein Flugzeug, von Terroristen gelenkt, im Begriff ist, zum Absturz gebracht zu werden. Soll man es zuvor abschiessen, um grösseren Schaden zu verhindern und die Zahl der Toten zu reduzieren?
Klar ist, dass die Passagiere in solch einem Szenario in jedem Falle zum Tode verurteilt sind: Entweder sterben sie beim Aufprall zusammen mit einer unbekannten weiteren Zahl von Menschen am Boden – oder sie sterben beim Abschuss der Maschine, bevor diese aufprallen kann. Es ist ein ethisches Dilemma.
Seitdem Immanuel Kant die Ethik revolutionierte, indem er sie weg von Sokrates’ Frage nach einer guten Lebensführung auf die Frage nach dem konkreten Tun in der Gesellschaft lenkte, kann die vernünftige Antwort nur lauten, die Maschine abzuschiessen. Dennoch sträubt sich alles in uns, dies zu akzeptieren.
Schliesslich könnten in einem von Terroristen gekaperten Flugzeug unsere Angehörigen oder Freunde sitzen und so scheint uns die Vorstellung unerträglich, dass ein Abschuss das kleinere Übel sein soll, auch wenn es das Leben derjenigen rettet, die sonst am Boden zum Ziel des Anschlags geworden wären.
Im konkreten Fall der flydubai-Maschine ist alles gut ausgegangen, als der schwerverletzte Pilot mit letzter Kraft von innen die Kabinentür öffnete, sodass beherzte Passagiere den Piloten überwältigen und die Maschine übernehmen konnten. Doch wir sollten nicht vergessen: Es hätte auch anders ausgehen können. Und es hätte auch uns treffen können.
