Warum interessiert sich die deutsche Öffentlichkeit so wenig für das Schicksal der iranischen Bevölkerung, die ein tyrannisches Regime namens Islamische Republik abzuschütteln versucht? Das hat nicht zuletzt mit der iranischen Diaspora zu tun, die viel zu lange den Lobbyisten des Regimes das Feld überlassen hat.
Die Lobbyisten, die meist als Reformer auftreten, sind unter der iranischen Bevölkerung allgemein unpopulär, um nicht zu sagen: verhasst. Das ist nichts Neues. Auch die enorme Menge an Demonstranten innerhalb und ausserhalb des Iran, die für eine Rückkehr der Monarchie unter dem exilierten Kronprinzen Reza Pahlavi eintreten, spricht Bände. Dennoch haben Pahlavi-Gegner in deutschen Talkshows und Podiumsdebatten praktisch ein Auftrittsmonopol.
Zu lange schon wird das Regime von aussen stabilisiert
Dass dies so ist, dafür gibt es mehr als einen Grund. Doch auch, wenn manche es nicht hören wollen, hat auch die iranische Diaspora ihren Anteil an dieser Situation, was sich erst seit etwa fünf Jahren geändert hat.
Bis dahin war die Diaspora-Gemeinde nicht sonderlich daran interessiert, die deutsche Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Zukunft Irans nicht in einem reformierten Regime liegt und dass dieses Regime abgeschafft werden muss, weil es schon längst keinen Rückhalt mehr in der Bevölkerung hat – falls es ihn überhaupt jemals hatte.
Ich habe das selber oft genug erlebt.
Ich sass mit Iranerinnen und Iranern zusammen, manachmal war ich der einzige ohne iranischen Migrationshintergrund in einer grösseren Gruppe – und immer war da diese Passivität und der Glaube, dass man nur abwarten müsse, bis die Menschen in Iran das Regime stürzen, während man selbst im Westen ein feines Leben führt.
Wiederholt habe ich erklärt, dass das Regime vor allem vom Ausland gestützt wird, also von Ländern wie Deutschland, und zwar deshalb, weil das Ausland glaubt, es müsse die Reformer bei Laune halten, sonst kommen die sehr viel gefährlicheren Hardliner an die Macht – ein Mythos, aber er wurde von Lobbyisten des Regimes einer deutschen Öffentlichkeit in die Köpfe gepflanzt.
Also, so schlussfolgerte ich, müsst ihr, die iranische Diaspora aktiv werden; müsst ihr versuchen, einer deutschen Öffentlichkeit begreiflich zu machen, dass die Zukunft Irans nicht in einer «Reform» des Regimes liegen kann, weil dieses Regime nicht reformierbar ist und Reform nur dessen Stabilisierung dient.
«Sollen die Deutschen doch denken, was sie wollen «
Aber daran herrschte kein Interesse.
«Wenn das Regime erst weg ist», hörte ich oft, «werden die Lobbyisten in den deutschen Medien keine Rolle mehr spielen.»
Mein Einwand, dass die Lobbyisten dazu beitragen, das Regime von aussen zu stabilisieren, stiess auf taube Ohren.
«Hier in Deutschland kannst du sowieso nichts machen», hiess es dann.
Die ganze Community war total fixiert auf persischsprachige Fernsehsender wie «Manoto» oder «Iran International» (letzterer wurde eine zeitlang als Reformistensender geschmäht, bevor er zur bevorzugten Plattform von Kronprinz Reza Pahlavi wurde) und interessierte sich überhaupt nicht dafür, wie in deutschen Medien Propaganda im Sinne des Regimes gemacht wurde.
Die ganze Community unterhielt sich auf Persisch, schwatzte auf Persisch, sah fern auf Persisch und diskutierte auf Persisch.
Sollen die Deutschen doch über Iran denken, was sie wollen!
Sollen die Deutschen doch glauben, dass die Iraner nicht mehr als eine Reform des Regimes wollen!
Sollen die Deutschen doch glauben, dass es gemässigte Kräfte in dem verhassten Regime gibt, mit denen sie eine Zusammenarbeit für sinnvoll halten!
Denn wenn das Regime erst Geschichte und die Monarchie wiederhergestellt ist, werden die Deutschen schon erkennen, dass wir Iraner die Islamische Republik immer gehasst haben!
Es gibt eine Menge Webseiten, die sich mit Iran befassen und bis vor fünf Jahren konnte man folgende Faustregel gelten lassen: War die Webseite gegen das Regime gerichtet, dann war sie fast immer komplett auf Persisch und richtete sich ausschliesslich an die Diaspora-Gemeinde.
War die Webseite hingegen auf Deutsch (oder in einer anderen westlichen Sprache), war sie fast immer eine Propagandaseite im Sinne des islamischen Regimes und diente dazu, die deutsche und westliche Öffentlichkeit entsprechend zu beeinflussen.
Denn das Regime hat vor langer Zeit erkannt, dass man die eigene Bevölkerung nicht von seiner Legitimität überzeugen kann, umso mehr aber das Ausland – und mit Ausländern wie den Deutschen muss man in ihrer Sprache reden.
Eine jüngere Generation ist angetreten, den Diskurs zu verändern
Deswegen konnten so viele Deutsche glauben, dass der damalige iranische Präsident Ahmadinejad nie von einer Vernichtung Israels gesprochen habe. Ich habe damals – automatische Übersetzungen im Internet hatten noch nicht das Niveau von heute – Äusserungen von Regimegrössen über Israel aus dem Persischen übersetzt.
Daraus ist ein ganzes Dossier entstanden und wer es wissen wollte, konnte wissen, dass Ahmadinejad ganz klar einer Vernichtung Israels das Wort geredet hatte. Wörtlich hatte Ahmadinejad u.a. gesagt:
“Die Verwirklichung einer Welt ohne Amerika und ohne Israel ist machbar und erreichbar” (tahaqqoq-e donya-ye bedun-e Amrika ve-Esrail dast-yaftani ve-shodani ast).
Das war nun eben nicht ein abstrakter Wunsch nach einer Welt, aus der Israel sang- und klanglos verschwindet, sondern eine unverhüllte Drohung gegen den jüdischen Staat. Doch die deutschen Medien wurden von «Experten» beherrscht, die die Menschen etwas anderes glauben machten wollten und die das Regime als friedfertig und harmlos porträtierten.
Dies, wie gesagt, war die Situation bis vor etwa fünf Jahren.
Mittlerweile hat sich das grundlegend geändert. Eine junge Generation von Deutsch-Iranern gibt sich in den sozialen Medien grosse Mühe, derlei Propaganda zu entlarven und auch die ältere Generation hat begonnen, sich verstärkt dafür zu interessieren, mit welchen Informationen oder Falschinformationen die deutsche Öffentlichkeit gefüttert wird.
Denn noch immer werden die Medien von Ideologen beherrscht, die, wenn sie iranischer Herkunft sind, sehr häufig aus linken Elternhäusern stammen. Sie geben vor, gegen das Regime zu sein, aber ihre Forderung nach einem Ende der Sanktionen, ihre Kampagne gegen Reza Pahlavi und überhaupt ihre ganze Reformagenda sind alle nur im Sinne des Regimes.
Bleibt abzuwarten, ob die jüngere Generation von Iranerinnen und Iranern es schafft, dagegen anzugehen und den Iran-Diskurs in diesem Land entscheidend zu verändern. Es ist das späte Erwachen einer Community, deren Anliegen und deren Geschichten in Deutschland viel zu lange ungehört blieben.
Denn wer Kontakte zu ihr hat und wer die Demonstrationen in verschiedenen Städten Deutschlands und der Welt gesehen hat, weiss, dass die überwältigende Mehrheit der iranischen Bevölkerung in ihrer Gegnerschaft zum Regime unversöhnlich ist und dass ihr Schlachtruf «Javid Schah – es lebe der Schah» lautet.
