Kategorien
Rezension

Wes Anderson trifft Greta Thunberg

Am Ende heisst es «Level 4» und die Zuschauer setzen sich Schutzmasken auf, bevor sie den Saal verlassen und in eine Stadt strömen, die von der Klimakatastrophe gezeichnet ist. Wer glaubt, er sei nur Zuschauer, der irrt sich. Niemand ist Zuschauer, auch wenn alle zuschauen: Es ist die Inszenierung einer Inszenierung.

Der Film «Digger» des gefeierten mexikanischen Regisseurs Alejandro Iñárritu spielt wie schon sein «Birdman» mit einer doppelten Wahrnehmungsebene. Die Hauptrolle spielt Tom Cruise (der unter seiner Maske so aussieht wie der verstorbene kanadische Schauspieler Shane Rimmer).

Cruise verkörpert – durchaus virtuos – den Ölmilliardär Digger Rockwell, dessen Skrupellosigkeit und Raffgier dazu führt, dass bei Bohrungen auf Grönland sich ein gigantischer Eisblock vom Schelf löst und auf Europa zutreibt, wo er hunderttausende Menschenleben gefährdet.

Digger, der mit dem amerikanischen Präsidenten (gespielt von John Goodman) auf freundschaftlichem Fuss steht, sieht nur eine Möglichkeit, die Katastrophe abzuwenden: Wissenschaftler, die einen Zusammenhang mit den Bohrungen herstellen, müssen eingeschüchtert und das Narrativ kontrolliert werden.

Wenn der Eisblock durch die Barentssee treiben sollte, ist er dann nicht ein Problem Russlands? Nur zu deutlich sind hier die Anspielungen auf die Präsidentschaft eines Donald Trump und der MAGA-Bewegung, mit dem Klimawandel umzugehen. Doch die Geschichte hat einen doppelten Boden.

Denn sie ist nur die Inszenierung einer Inszenierung. Da werden Szenen unterbrochen, um Landschaften als blosse Kulissen auf einer Bühne zu entlarven; eine Regisseurin gibt Anweisungen und es wird mit den Schauspielern über das Stück debattiert, das nunmehr als blosse Bühneninszenierung erkennbar wird.

Die ganze Inszenierung ist von einer artifiziellen Morbidität und erinnert an die Filme von Wes Anderson (Grand Budapest Hotel, Asteroid City, Der phönizische Meisterstreich) oder den älteren Film «Barton Fink» der Coen-Brüder. In dem spielte schon John Goodman mit, der hier den Präsidenten verkörpert.

Im Verlauf der Geschichte rücken die Personen freilich in den Hintergrund und die Botschaft immer stärker in den Vordergrund; es wird geschrien, gebrüllt und gestikuliert. Sandra Hüller in einer Nebenrolle wirkt hier fehl am Platz und überhaupt sind die Personen kaum mehr als Karikaturen.

Irgendwann wirkt der ganze Film nur noch wie ein Werbefilm für «Greenpeace» oder die «Deutsche Umwelthilfe», dessen Skript von Greta Thunberg stammen könnte: Schrill, alarmistisch und ohne dass die Personen je eine Chance auf Tiefe bekämen, wenn nur die Botschaft verstanden wird, die darin besteht, dass wir alle, nicht nur die Reichen und Mächtigen, Verursacher der Klimakatasttophe sind.

Der Regisseur ist so sehr verliebt in seine Idee, eine Geschichte mit doppeltem Boden zu erzählen, dass der Film unter der Last seiner Konstruktion zusammenbricht. Denn der Zuschauer soll mit einbezogen werden, soll Teil der Inszenierung sein – was ihm am Ende auch bewusst wird. Aber da ist man nur noch froh, dass der Film endlich vorbei ist.

Digger (2026), 2 h 8 min, Regie: Alejandro G. Iñárritu. Mit Tom Cruise et al.

Von Michael Kreutz

Sprach-, Literatur- und Politikwissenschaftler, Autor und Journalist.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Translate »