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Politische Philosophie

Die Wiederkehr des Thymos

US-Aussenminister Marco Rubio stellt den antiken Begriff des Thymos ins Zentrum seiner aussenpolitischen Vision. Daraus erwächst nichts Gutes.

Das antike Konzept des Thymos (Betonung auf der zweiten Silbe) ist vielschichtig; bei Homer, wie der Altertumsforscher Bruno Snell gezeigt hat, meint Thymos die Lebenskraft oder das Gemüt, wobei die Lungen als sein Sitz gelten.

Das «Wörterbuch zu den Homerischen Gedichten» von Autenrieth/ Kaegi kennt eine Fülle von Übersetzungen: So kann Thymos mit Herz, Sinn, Geist, Entschluss oder Verlangen übersetzt werde, aber auch mit Freude und schliesslich Zorn. Letzterer ist in der Antike nur eine von vielen Bedeutungen des Begriffes.

Spätestens in byzantinischer Zeit jedoch verengt sich der Begriff auf die Bedeutung «Wut» oder «Zorn (wie arabische Übersetzungen zeigen), was bis heute seinem Gebrauch im Neugriechischen entspricht. Für den frühen Orientalisten Ignaz Goldziher war Thymos die Kraft, die von Moses ausgehend seinen Stab zur Schlange machte.

Diese Geschichte findet sich im 2. Buch Moses, aber ebenso im Koran (z.B. 26:32), wo der Thymos von Moses (arab. Mūsā) göttliche Attribute erhält. Es war der Religionswissenschaftler Jan Assmann, der 1992 in seinem Buch Das kulturelle Gedächtnis herausgearbeitet hat, dass dieser göttliche Thymos eine politische Kategorie darstellt.

Politische Aufladung eines antiken Begriffes

Denn ohne den göttlichen Thymos gibt es keine menschliche Ordnung. Dem Zorn Gottes entspricht die Angst des Menschen, seine Gebote und Verbote zu missachten, was erst die Aufklärung infrage stellte, die allerdings den Begriff nicht aufgab, ihn vielmehr säkularisierte.

So glaubte der deutsche Schriftsteller Wilhelm Heinse, dass die menschliche Grösse, die sich im antiken Griechentum zeige, aus dem Thymos herrühre, wie auch umgekehrt die Unterdrückung des Thymos die niederen Existenzen der Gesellschaft kennzeichne.

In der modernen politischen Philosophie hat der Begriff des Thymos dennoch lange ein Schattendasein geführt. Das änderte sich mit dem Buch des amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama The End of History and the Last Man, das im selben Jahr wie Assmanns Buch erschien.

Das Buch ist vor allem für seine These bekannt geworden, dass nach dem Ende des Sowjetkommunismus die liberale Demokratie keine nennenswerten ideologischen Rivalen mehr habe. Das sollte sich zwar als Trugschluss herausstellen. Bedeutend blieb sein Buch aber aus einem anderen Grunde.

Zentral für Fukuyamas Buch ist nämlich der Begriff des Thymos, den er als eine Art von Gerechtigkeitssinn und denjenigen Teil der Seele beschreibt, der ursächlich für menschliches Selbstwertgefühl ist. Damit wird bei ihm der Thymos zur Triebfeder der liberalen Demokratie. Das ist neu.

Er grenzt sich damit von Theorien ab, die den Erfolg der liberalen Demokratie in der Leidenschaft oder in Vernunftgründen suchen, womit Fukuyama sich direkt gegen Hobbes und Locke richtet, die am Anfang des modernen Liberalismus stehen. Die Verwirklichung der Locke’schen Prinzipien in Amerika bedeutete demnach den Tod des Thymos.

Damit aber, glaubt Fukuyama, hätten sich ganze neue Probleme ergeben. Denn eine liberale Wirtschaft können nicht einfach dadurch erfolgreich sein, dass sie auf liberalen Prinzipen fusse. Ihr Erfolg verdanke sich vielmehr auf dem Thymos, dem menschlichen Drang nach Geltung. Stattdessen sei mit Hobbes und Locke eine Sklavenmoral an dessen Stelle getreten.

Denn die liberale Demokratie, so Fukuyama, bringe lauter Menschen hervor, die sich nur noch durch Leidenschaft und Vernunft auszeichnen, jedoch keinen Thymos mehr haben und damit keinen Ehrgeiz, besser und grossartiger als andere sein zu wollen – eine Argumentation, die im ersten Moment abwegig erscheint.

Man muss freilich bedenken, dass Fukuyama Amerikaner ist und das Adjektiv «liberal» in den USA etwas anders gebraucht wird als im Rest der Welt: In den USA nämlich meint «liberal» in etwa das, was in Europa «linksliberal» oder «sozialdemokratisch» genannt würde.

Deswegen wird dort der Begriff auch eher mit dem Programm der Demokratischen Partei in Verbindung gebracht, während marktliberale, also klassische liberale oder gar libertäre Ideale eher unter «conservative» fallen. Fukuyama argumentiert denn auch aus einer dezidiert konservativen Perspektive.

Er hält den Thymos deswegen für unentbehrlich, weil er dem Menschen erlaubt, seine natürlichen Instinkte zu überwinden, sobald sie der Gerechtigkeit im Wege stehen. Er bezieht sich dabei explizit auf Sokrates, für den der Thymos von ambivalentem Charakter war: Denn so notwendig Gerechtigkeitssinn für eine Republik auch sein mag, so kann er diese auch zerstören.

Anders als viele oder die meisten Konservativen in den USA sieht Fukuyama aus dem Christentum keine Rettung kommen, da dieses auch nur eine Sklavenideologie befördere. Das erinnert sehr an die oben erwähnten Vorstellungen von Wilhelm Heinse und man versteht, warum heutige Rechtskonservative sich für den «Thymos» so sehr erwärmen.

Fukuyama kennt Heinse nicht, aber er hat einen nicht ganz unbedeutenden deutschen Rezipienten: Den Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk. Sloterdijk, der sich selbst politisch als «linkskonservativ» verortet, hat sich in seinem Buch «Zorn und Zeit» (2006) ausführlich dem Thymos gewidmet, den er als «Elementarmacht» bezeichnet und mit der Rache in Verbindung bringt.

Erst im 18. Jahrhundert wird der Zorn zu einem Thema in der entstehenden Kultur des Bürgertums zu einem tonangebenden Motiv, «die rächerischen Träume der Menschheit neu zu deuten“, so Sloterdijk, der den Thymos mit Begriffen wie «Abreaktion», «Furor» und «Ekstase» zu übersetzen sucht, um daraus das Bild vom Rausch zu gewinnen, dem Menschen sich hingeben.

Vom Thymos zum Bild des “schlummernden Europa”

Rechtskonservative lieben den Begriff des Thymos deshalb, weil er gut in das Männlichkeitsbild ihrer Bewegung passt, die Staat und Gesellschaft für träge, handlungsunfähig und schwach hält. Da nimmt es nicht wunder, dass Marc Jongen, Sloterdijks ehemaliger Assistent und AfD-Mitglied, 2019 den Thymos zum Ausgangspunkt seiner antiliberalen Kulturkritik machte.

Deutschland, so Jongen damals, sei «thymotisch unterversorgt», also nicht zornig und kämpferisch genug, jedenfalls im Sinne seiner Partei und ihrer Ziele. Sein Lehrer Sloterdijk distanzierte sich umgehend davon und verwahrte sich dagegen, mit «Zorn und Zeit» den Ausführungen Jongens vorgearbeitet zu haben.

Nun erlebt der Thymos eine Wiederkehr durch keinen geringeren als den amerikanischen Aussenminister Marco Rubio, als dieser auf Staatsbesuch in Griechenland war. Es ging um Fragen der strategischen Zusammenarbeit, um Geopolitik und die Zukunft des Westens.

Auf dem Hügel Pnyx in Sichtweite der Akropolis hielt er dann eine Rede, in der er den Begriff ins Zentrum seiner Rede rückte. Der Ort hätte geeigneter nicht sein können. Der Pnyx, wo in der Antike schon Staatsmänner wie Perikles oder Demosthenes gesprochen haben, ist ein Symbol der Demokratie, mithin ein symbolisch aufgeladener Ort westlicher Identität.

In seiner Rede spannte Rubio einen Bogen von der Antike über die Errungenschaften der Moderne bis hin zur Gründung der Vereinigten Staaten, die er als Krönung einer Entwicklung zeichnet, die mit den Griechen begonnen und im Christentum und in der Naturwissenschaft ihre Fortsetzung gefunden habe.

Dass zu dieser Entwicklung auch zivilisatorische Rückschläge gehörten, lässt er aus; umso dringlicher appelliert er an eine Erneuerung des Westen durch Rückbesinnung auf eine zentrale Eigenschaft: Das Streben nach Exzellenz. Dieses leitet er aus dem Thymos ab, den er als «Feuer der Leidenschaft, der Stärke, des Mutes, des Stolzes» definiert.

Europa, so Rubio, sei dazu bestimmt, dieses Feuer neu zu entfachen. Denn ohne Thymos verlören Nationen ihren Kampfeswillen und letztlich ihren Willen zu überleben. Rubio hat nicht mitbekommen, dass Europa derzeit nach Kräften bemüht ist, sich von den als unzuverlässig erwiesenen USA zu lösen.

Seine Behauptung von einem «schlummernden Europa» mag denn auch einen Nerv im rechtskonservativen Milieu treffen, wo man gerne glaubt, ein der «Wokeness» verfallener Kontinent sehe einer irregulären massenhaften Zuwanderung einschliesslich gewaltbereiter Islamisten untätig zu – mit der Realität hat es nichts zu tun.

Tatsächlich sah sich kein Geringerer als der erwähnte Francis Fukuyama dazu veranlasst, seinem Aussenminister die Leviten zu lesen, wie zuvor Peter Sloterdijk seinem einstigen Schüler Marc Jongen die Flausen ausgetrieben. Fukuyama erinnerte Rubio daran, dass der Thymos ein ambivalenter Begriff ist und Zivilisationen ebenso aufbauen wie zerstören kann.

Denn natürlich kann sich das Streben nach Anerkennung, Grösse und Vorsprung auf gute wie auf schlechte Dinge beziehen. Ein Blick in die Geschichte zeigt: George Washington, Abraham Lincoln und Winston Churchill strebten nach Grösse – aber ebenso Hitler, Stalin und Pol Pot. Der Thymos alleine erklärt keine Politik. Von dieser Ambivalenz fand sich nichts in Rubios Rede.

Vor allem warf Fukuyama dem Aussenminister vor, die Realität wie eine Bretzel zu verdrehen: Denn während Rubio einer erneuerten Allianz auf Grundlage gemeinsamer Werte zwischen den Vereinigten Staaten und Europa das Wort redet, macht sein Präsident Trump schmutzige Deals mit Diktaturen wie dem Putin-Regime oder China.

Doch kann man auch darin den Ausdruck von Thymos sehen, nämlich als Aufbegehren gegen die Politik seines Vorgängers oder Zorn gegenüber einer um ihre Existenz ringende Ukraine, aber genau deswegen ist der Begriff für die politische Debatte so wenig tauglich.

Die aktuelle Jugendrevolte in Frankreich ist dann ebenso Ausdruck von Thymos; die Randalierer sind die modernen enragés, wie sie zu Zeiten der Französischen Revolution genannt wurden – und sie hat Rubio gewiss nicht im Sinne, wenn er eine Wiederkehr des Thymos fordert.

Ihm dient der Begriff nur dazu, den Boden für eine Politik zu bereiten, die wenig auf Parlamentarismus gibt und einen radikalen Kurswechsel hin zu mehr Autoritarismus für die einzige Möglichkeit hält, die westlichen Demokratien vor dem Untergang zu bewahren. Freilich wird man sie genau damit zerstören.


Literatur

Autenrieth, Georg, und Adolf Kaegi. [1920] 1999. Wörterbuch zu den Homerischen Gedichten. Stuttgart u. Leipzig: Teubner.

Baeumer, Max L.1964. Das Dionysische in den Werken Wilhelm Heinses: Studie zum dionysischen Phänomen in der deutschen Literatur. Bonn: Bouvier.

Fukuyama, Francis. 1992. The End of History and the Last Man. London et al.: Penguin.

Goldziher, Ignaz. [1913] 1970. Die Richtungen der islamischen Koranauslegung. Leiden: Brill.

Krochmalnik, Daniel. 2008. “Der Gott Israels und die Götter Griechenlands: Zur neuesten Monotheismusdebatte”, in: Religion und Gewalt: Die großen Weltreligionen und der Frieden, hrsg. von Albert Käuflein und Thomas Macherauch. Würzburg: Echter.

Sloterdijk, Peter. 2006. Zorn und Zeit: Politisch-psychologischer Versuch. Frankfurt/ Main: Suhrkamp.

Snell, Bruno. 1948. Die Entdeckung des Geistes: Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen. Hamburg: Claassen & Goverts.

Von Michael Kreutz

Sprach-, Literatur- und Politikwissenschaftler, Autor und Journalist.

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