Kategorien
Menschen und Mächte

Genozid-Festspiele

Gibt es Fälle von israelischen Kriegsverbrechen im Gazastreifen? Sehr wahrscheinlich. Denn Krieg führt zur Verrohung, mitunter auch des Opfers. Aber viele Menschen hierzulande wollen gar nicht wissen, an welcher Stelle sich israelische Truppen unethisch verhalten haben könnten. Sie wollen das grosse Ganze – sämtliche Zerstörungen und sämtliche Toten – Israel anlasten. Dazu müssen sie eine Reihe von Tatsachen ignorieren.

Frage: Wenn die Hamas Tunnel unter Wohnhäusern baut, in diesen Tunneln Munition und Raketen bunkert und diese mit Sprengfallen versieht und eine dieser Sprengfallen während eines Feuergefechts von einer israelischen Gewehrkugel getroffen wird, wodurch es zu einer Explosion kommt, der Tunnel kollabiert und die darüber liegenden Wohnhäuser zerstört und ihre Bewohner getötet werden – wer trägt dann die Verantwortung?

Ein verworrenes Knäuel

Technisch gesehen war es eine israelische Gewehrkugel, die die Explosion ausgelöst hat, doch die Verantwortung dafür liegt bei der Hamas, die diese Situation herbeigeführt hat. Das sollte eigentlich jedem verständlich sein und auch das Völkerrecht betrachtet ein Wohnhaus als legitimes Angriffsziel, wenn es vom Feind für militärische Zwecke missbraucht wird.

Grosse Teile der Weltöffentlichkeit interessiert das jedoch nicht. Sie sehen nur israelische Soldaten auf der einen und Tod und Zerstörung auf der anderen Seite, was ihnen genügt, um Israel des Genozids anzuklagen. Dabei müssen sie weitere Fakten ignorieren, denn nach dem Völkerrecht muss die Absicht erkennbar sein, eine Gruppe von Menschen in Gänze auszulöschen. Dem steht jedoch einiges entgegen:

  • Da ist zum einen die Tatsache, dass Israel täglich Lastwagenladungen voller humanitärer Güter in den Gazastreifen hat passieren lassen.
  • Auch hat Israel mit der Befreiung der letzten Geisel alle Kampfmassnahmen eingestellt.
  • Nicht zuletzt hat es seine Kämpfe auf den Gazastreifen beschränkt, obwohl Angehörige derselben Volksgruppe auch im Westjordanland (Judäa/ Samaria) und in Israel selbst leben.

Hätte Israel die Absicht gehabt, die Palästinenser auszulöschen, würde dieses Verhalten keinen Sinn ergeben. Die Ankläger Israels ignorieren diese Einwände denn auch regelmässig. Was gegen die israelische Vorgehensweise sprechen könnte, ist eine mögliche Unverhältnismässigkeit. Das verworrene Knäuel der Kriegshandlungen von aussen zu beurteilen, ist freilich äussert schwer.

Denn die Hamas gibt sich nicht als Armee zu erkennen, ihre Kämpfer tragen meist keine Uniformen, während israelische Soldaten für den Feind leicht zu identifizieren sind. Dass die Kämpfer der Hamas als bewaffnete Zivilisten agieren und sich unter die Zivilbevölkerung mischen, macht es schwer sie auf eine Weise zu bekämpfen, dass unbewaffnete und unbeteiligte Zivilisten möglichst verschont werden.

Procedere auf den Kopf gestellt

Aktuell erhebt ein israelischer Dokumentarfilm namens «NAZA» den Anspruch, dass die israelische Armee im Gazastreifen ebenso wie im Libanon im Vorhinein den zu erwartenden Kollateralschaden, also die Zahl der toten und verletzten Zivilisten, vor einem Angriff abschätzt und damit einkalkuliert. «NAZA» soll eine militärische Abkürzung für «Kollateralschaden» sein, daher der Name des Films.

Dem widerspricht die israelische Reservistin Sarit Zehavi, die behauptet, dass in der Armee mit NAZA ein Procedere bezeichnet wird, Zivilisten der Gegenseite möglichst zu verschonen, indem man zunächst die Anzahl möglicher unbeteiligter Opfer eines israelischen Militärschlages auf ein bestimmtes Ziel berechnet und dann bestimmt, wie man sie aus der Schusslinie nehmen kann, etwa durch Evakuierungen.

Wenn das, was Zehavi behauptet, stimmt, dann stellt der Film das NAZA-Procedere auf den Kopf. Mit einem solchen Film kann man dann 25 Minuten lang stehende Ovationen auf den Filmfestspielen von Venedig einheimsen und ganz besonders bedanken werden sich Terrororganisationen wie Hamas und Hisbollah für dieses Geschenk des Himmels.

Von Michael Kreutz

Sprach-, Literatur- und Politikwissenschaftler, Autor und Journalist.

Translate »