Ein womöglich psychisch kranker Mann hat das historische Kehlsteinhaus abgefackelt, das auch als «Hitlers Teehaus» bekannt war und unter Denkmalschutz stand. Es galt als Mahnmal nationalsozialistischer Verbrechen. Doch nun,, da es zerstört ist, sollte man es originalgetreu wiederaufbauen?
Denn das Kehlsteinhaus in den bayrischen Alpen gilt zwar als «Täterort», weswegen es unter Denkmalschutz steht, doch Hitler selbst hat das Gebäude kaum genutzt. Architektonisch ist es nur ein weiteres Beispiel für den schlechten, nach monumentaler Grösse strebenden Geschmack der Nazis und allein deswegen kaum erhaltenswert.
Zuletzt diente das Haus als Gasthof und war der Allgemeinheit zugänglich. Eine Ausstellung im Haus informierte Besucher über dessen dunkle Geschichte. Nach aussen hin war freilich alles gleich geblieben und damit ein NS-Relikt im öffentlichen Raum, von dem man immer befürchten musste, dass es zum Wallfahrtsort für Hitler-Verehrer wurde.
Wiederaufbauen – aber wie?
Tatsächlich berichtet der Historiker Sven Keller im Interview mit dem «Spiegel», dass man dort regelmässig an Hitlers Geburtstag Grabkerzen entfernen musste; auch habe man in den umliegenden Bäumen eingeritzte Hakenkreuze gefunden. Deswegen spricht er sich gegen eine «Eins-zu-Eins-Rekonstruktion» des Gebäudes aus.
Denn der Ort kann auch als Gedenkstätte dienen, ohne dass man die Nazi-Architektur originalgetreu wiederaufbaut. Das eine ist nicht an das andere gebunden. Die amerikanischen Besatzer hatten das Kehlsteinhaus nach dem Krieg ohnehin abreissen wollen. Wie aber könnte der Wiederaufbau gestaltet werden?
Vorbild könnte das Bochumer Haus Weitmar sein. Dies ist zwar kein NS-Relikt, sondern ein ehemaliger Adelssitz, dessen Eigentümer, die Familie Hasenkamp, Mitte des 18. Jahrhunderts ausgestorben war. Danach wechselten die Eigentümer; Haus und Grundstück wurden seitdem mehrfach umgebaut, bis sie im Krieg einem Grossluftangriff zum Opfer fielen.
Das Haus Weitmar ist ein Beispiel dafür, dass man an einem historischen Ort etwas radikal Neues bauen kann, ohne das Alte zu verleugnen. Die heutige Architektur zelebriert den historischen Bruch und verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Womit wir wieder bei der Frage wären, wie mit NS-Relikten im öffentlichen Raum umzugehen ist.
Richtig ist, dass nicht alles abgerissen werden darf, was die Nazis jemals errichtet haben. Ehemalige Konzentrationslager müssen als Orte des Unrechts bewahrt werden, damit kommende Generationen aus ihnen lernen. Auch das Haus der Wannseekonferenz muss als Gedenkort erhalten bleiben, weil dort der Holocaust massgeblich geplant wurde.
Einerseits darf die Geschichte also nicht entsorgt werden, andererseits sollte es keine Normalisierung von Nazi-Architektur im öffentlichen Raum geben. Das Kehlsteinhaus, auch als Hitlers Teehaus bekannt, war vor allem propagandistische Scheinwelt. Gelegen in einer landschaftlichen Idylle, verhöhnte es die Schrecken einer Massenvernichtung von sechs Millionen Juden, denen jede Hoffnung auf Idylle genommen wurde.
Wäre es also nicht besser, auf seinen Ruinen ein Museum zu bauen, das über die Geschichte des Ortes informiert, mit der ursprünglichen Architektur aber bricht, um Hitler-Verehrer von einer Wallfahrt abzuschrecken? Die Brandstiftung war eine Straftat, gewiss. Aber nun, da das Kehlsteinhaus einmal abgebrannt ist, eröffnet sich die Chance für ein neues Konzept.
Dazu müsste der Denkmalschutz natürlich aufgehoben werden. Aber das gilt auch für andere Bauten, z.B. das Olympia-Stadion in Berlin, das unter Hitler gebaut wurde. Der israelischer Journalist David Horovitz, der Berlin vor Jahren besuchte, dürfte nicht der einzige sein, den die Olympischen Ringe irritieren, die dort in Erinnerung an die Spiele von 1936 hängen.
Schreckt eine Gedenktafel Hitler-Verehrer ab?
Sollte Deutschland wirklich, so fragte Horovitz damals, Stolz angesichts von Olympischen Spielen empfinden, die Nazis ausrichteten und für ihre Propaganda missbrauchten? Die Frage ist rhetorisch gemeint und natürlich hat er recht. Dabei ist der Anblick der kalten, strengen und seelenlosen Naziarchitektur schon für sich genommen eine Zumutung.
Im Inneren wurde das Stadion dafür modernisiert – vorgeblich, um damit einen gesellschaftlichen Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft zu bewältigen, denn natürlich ist das Stadtion Teil der Geschichte Berlins. Aber vielleicht scheute man auch nur die Kosten eines Neubaus und suchte nach einen Vorwand, das Stadion zu erhalten?
Ähnlich zwiespältig verhält es sich mit der von den Nazis konzipierten Ferienanlage in Prora auf der Insel Rügen. An Seelenlosigkeit kaum zu überbieten, überdauerte die Anlage der DDR-Zeit und beherbergt heute neben Eigentumswohnungen und einer Jugendherberge auch ein Museum und ein Dokumentationszentrum.
Der ganze Komplex steht unter Denkmalschutz, aber um an die Geschichte des Ortes mitsamt seiner Nazivergangenheit zu erinnern, braucht es diese Bauten nicht. Man hätte auch alles abreissen und eine neue Architektur nebst Museum und Dokumentationszentrum dort hinsetzen können.
Warum muss man das alles erhalten wollen? Einmal mehr stellt sich die Frage, ob ein Museum und ein Dokumentationszentrum ausreichen, um Hitler-Verehrer von einem Besuch abzuschrecken. Auch wird die Umwidmung in ein Mahnmal nicht zwangsläufig von jedem zur Kenntnis genommen.

Das gilt auch für das sogenannte «Ruhrkämpferehrenmal» in Essen-Horst. Die Nazis hatten das «Ehrenmal» 1934 für Gefallene der militanten, zum Teil rechtsextremen Freikorps und Truppen errichtet, die 1920 den Aufstand bewaffneter Arbeiter im Ruhrgebiet – den sogenannten «Märzaufstand» – niedergeschlagen hatten.
Das Ehrenmal befindet sich in unmittelbarer Nähe des Hauses Horst, einem ehemaligen Rittersitz, auf einer Anhöhe, die gerade im Sommer einen traumhaften Blick auf die Ruhr ermöglicht. Nach dem Krieg hat die Stadt Essen die Gedenktafeln entfernt, sodass heute nur noch die kreisförmig angeordneten und mit Stürzen verbundenen Steinsäulen übriggeblieben sind.
Dann sieht man dort Liebespaare und Menschen beim Picknick und viele wissen trotz (mit grossem Abstand angebrachter) Hinweistafel vielleicht gar nicht, was das steinerne Gebilde zu bedeuten hat, das 1985 zu einem Mahnmal zur Erinnerung an die Nazizeit umgewidmet wurde, nachdem die DKP seinen Abriss gefordert hatte. Doch wäre es nicht besser gewesen, die DKP hätte sich dieses eine Mal durchgesetzt?
Wenig überraschend jedenfalls sind Berichte, wonach der Ort ein Anlaufpunkt für Rechtsradikale und Neonazis sein soll – nicht unbedingt tagsüber, wo jeder sie sehen könnte, aber möglicherweise nachts und mit Fackelzügen. Eine Vorstellung, die schaudern lässt. Mit der Umwidmung zu einem Mahnmal hat man es sich jedenfalls sehr leicht gemacht.

Ebenfalls einfach umgewidmet hat man das Löwendenkmal im benachbarten Bochum – eine weithin sichtbare Landmarke an der Königsallee und damit einer der Hauptachsen, die in die Innenstadt führen. Mit den Nationalsozialisten hat es zunächst nichts zu tun, wurde es doch als Kriegerdenkmal für die gefallenen Soldaten des 1. Weltkriegs erbaut.
Anders als die spätere Naziarchitektur hat es auch seinen optischen Reiz. Dieser aber verblasst, sobald man sich näher mit der Entstehungsgeschichte des Denkmals befasst. Entworfen wurde es nämlich von Willy Meller, einem späteren NSDAP-Mitglied, der auch Entwürfe für das Berliner Olympiastadion und die Ferienanlage Prora anfertigte.
Das Löwendenkmal steht zudem in der unseligen Tradition der Dochstosslegende und der Feindschaft gegenüber Frankreich, was es anschlussfähig an die NS-Ideologie machte. Bis heute gibt es Stimmen, die seinen Abriss fordern; stattdessen wurde es zu einem Mahnmal umgewidmet. Symbolisierte der Löwe ursprünglich den Heldenmut deutscher Soldaten im Krieg, so symbolisiert er heute – ja, was?
Jetzt steht er wohl für den heldenhaften Umgang der Nachkriegsgeneration mit der Geschichte. Das hat etwas unfreiwillig Komisches an sich und wenn man die Gegenwart einer solchen Skulptur schon ertragen muss, dann macht man es tatsächlich am besten mit Humor: So ist es seit langem schon Tradition der nahegelegenen Schiller-Schule, dass jeder Abschlussjahrgang sich einen «Abi-Streich» mit der Skulptur erlaubt.
Da werden dem Löwen etwa die Krallen lackiert oder wird sein Hals mit Girlanden behängt oder, wie während der Corona-Pandemie geschehen, sein Maul mit einer Schutzmaske überzogen. Zeitweise fand sich auf seinem Sockel auch ein leuchtend rotes Graffito mit den Worten: «Ihr habt den Krieg verloren.» Es wurde rasch entfernt.
Eine Antwort auf die Frage nach dem richtigen Umgang mit solch einer Hinterlassenschaft ist das alles nicht. Das gilt auch für die Glocke von Herxheim, einer Gemeinde in Rheinland-Pfalz. Der Fall hatte vor Jahren Schlagzeilen gemacht, als sich herausstellte, dass der Turm der evangelischen Jakobskirche eine Glocke beherbergt, die es in sich hat.
Denn in der Glocke waren der Name Adolf Hitlers und ein Hakenkreuz eingraviert. Es ist nicht die einzige Glocke dieser Art, die lange unentdeckt blieb, denn Kirchenglocken sind naturgemäss dem Blick der Öffentlichkeit entzogen und wirken allein durch ihren Klang in diese hinein. Der Klang jedoch gibt keinen Aufschluss über eine etwaige Inschrift.
Umwidmung scheint allzu oft eine wohlfeile Lösung
Bekannt wurde die Inschrift denn auch erst durch ein Gemeindemitglied, das die Existenz einer solchen Glocke nicht hinnehmen wollte. Diese aber gehört nicht der Evangelischen Kirche, sondern der politischen Gemeinde Herxheim – und die entschied, die Glocke einfach zu einem Mahnmal umzuwidmen. Umwidmung ist eben die einfachste Lösung, wenn man das Gewohnte beibehalten will.
Das veranlasste einen jüdischen Einwohner, der das nicht hinnehmen wollte, zum Protest. Die Glocke sollte abgehängt werden; er fand dafür aber nur wenige Mitstreiter. Eine Klage gegen die Weiterverwendung der Glocke wurde abgewiesen und es begann die in Deutschland übliche Diskussion über das Für und Wider einer Entfernung des NS-Relikts. Die Glocke hängt bis heute in der Jakobskirche, wenngleich sie nicht länger betätigt wird.
In einem ähnlichen Fall wurde im niedersächsischen Schweringen die Inschrift samt Hakenkreuz auf einer Glocke in einer Nacht-und-Nebel-Aktion weggefräst. Dabei handelt es sich zwar um Sachbeschädigung, aber wie beim abgefackelten Kehlsteinhaus gibt es auch hier keinen Grund, den ursprünglichen Zustand wiederherstellen zu wollen. Anschliessend wurde die Glocke im Auftrag der Kirche künstlerisch überarbeitet – eine kluge Entscheidung.

Geschichte ist kein Markt, auf dem man nach Belieben einkaufen kann. Wer ihrer lichten Momente gedenken will, darf die dunklen nicht vernachlässigen. Deswegen müssen manche Nazi-Relikte erhalten bleiben, nämlich als Mahnung für kommende Generationen. Andere hingegen sollten abgerissen werden, will man keine Normalisierung von Nazi-Architektur im öffentlichen Raum.
Allzu oft nämlich entsteht der Eindruck, die Umwidmung von NS-Relikten sei allein der Bequemlichkeit geschuldet, denn eine Gedenktafel von aussen oder eine Ausstellung im Inneren ändert nichts daran, dass das entsprechende Gebäude oder Denkmal in unveränderter Form in den öffentlichen Raum hineinwirkt und ihn vergiftet, indem man sich an seine Präsenz gewöhnt.
Zwischen Vernichtung und Bewahrung verläuft ein schmaler Grat, der voller Steine ist. Grundsätzlich aber sollte alles, was als Glorifizierung der NS-Diktatur gedacht war, nicht für erhaltenswert gelten. Anstatt das Kehlsteinhaus originalgetreu wiederaufzubauen, wäre es besser, auf dessen sichtbaren Trümmern etwas Neues zu errichten, wobei die Ausstellung über die Vergangenheit des Ortes erhalten bliebe.
