Eine Weile habe er den Gestank von Blut nicht mehr aus der Nase bekommen, sagt einer der beteiligten Soldaten, den das Gefühl beschlich, von der Gesellschaft abgeschnitten zu sein. Es geht um israelische Soldaten, die anonym über ihren Einsatz im Gazastreifen sprechen – nein, wir reden nicht von «NAZA».
Die israelische Organisation «Breaking the Silence» ermöglicht den Kontakt mit Soldaten, die im Einsatz waren und das Magazin «Der Spiegel» hat ihre Erfahrungen gesammelt. Diese zeugen von der moralischen Zerrissenheit einzelner Soldaten, Befehle auszuführen, die ihnen rechtswidrig schienen.
Manches grenzte auch aus militärischer Perspektive ans Absurde: Wenn das höchste Gebäude in einem bestimmten Areal zerstört werden sollte, weil der Feind es zum Angriff nutzen könnte, wird ein anderes Gebäude zum höchsten in dem Areal, das dann auch wieder zerstört werden sollte – und immer so weiter.
Es gibt Soldaten, die von Kameraden berichten, deren Kampfmotiv Rache war. Andere berichten, dass die Genehmigungen zur Eliminierung von Feinden ihrem Eindruck nach keinen harten Kriterien entsprachen, zumal die Terroristen der Hamas ohne Uniform kämpfen, sodass im Prinzip jeder Mann im wehrfähigen Alter ein Feind sein konnte.
Gewissenskonflikte befielen manchen Soldaten auch bei Evakuierungen, die eigentlich zum Schutz der Zivilbevölkerung gedacht waren. Dies aber bedeutet im Umkehrschluss, dass solche Zivilisten, die sich der Evakuierung widersetzen, Terroristen sein müssen. Aber sind sie wirklich Terroristen – oder vielleicht aus anderen Gründen geblieben?
Die israelische Regierung hätte den Krieg nach einem Jahr beenden müssen
Kritisiert wurde von manchen Soldaten auch der Einsatz sogenannter «Moskitos». Dieser Armee-Slang meint Zivilisten, die man in israelische Uniformen steckt, sie mit Bodycams ausrüstet und dann durch die Terrortunnel der Hamas schickt, um aus sicherer Distanz zu erkunden, ob dort unten noch feindliche Elemente aktiv sind, die auf alles schiesen, was eine israelische Uniform trägt.
Die Erfahrungen, von denen die Soldaten berichten, belegen keineswegs den Vorwurf des Genozids, aber durchaus mögliche Kriegsverbrechen der eigenen Seite in einem Krieg, den Israel nicht gewinnen konnte. Denn der Feind tarnt sich als Zivilist und so irrte die israelische Armee in einem gewaltigen Labyrinth umher, in dem sich unmöglich eine Ordnung schaffen liess.
Viele hochrangige Terroristen konnte die israelische Armee zwar ausschalten und manche Geisel lebend befreien, aber je länger sie dort blieb, desto grösser wurde ihre Verstrickung in dem tödlichen Chaos, das die Hamas geschaffen hatte. Die israelische Regierung hätte daher den Krieg nach einem Jahr beenden müssen, als Yahya Sinwar, Mastermind der «Al-Aqsa-Flut«, eliminert worden war.
Es ist eine Tragödie für Israel und all solche Palästinenser, die keine Sympathisanten des Terrors sind. Viele Soldaten sind seit dem Einsatz traumatisiert wie zuvor schon die vielen Israelis und Menschen anderer Nationalität traumatisiert wurden, die das Massaker – eigentlich eine Kette von Massakern – vom 7. Oktober überlebt haben oder Angehörige dabei verloren.
Derweil sperrt sich Israels Premier Netanjahu gegen eine Untersuchungskommission, die die Hintergründe eines möglichen Versagens seiner Regierung im Vorfeld aufarbeiten soll. Das wirft kein gutes Licht auf ihn. Eine Lehre aus den Ereignissen kann man aber jetzt schon ziehen: Kriege gegen Terrororganisationen sind legitim, müssen aber so rasch wie möglich beendet werden.
