Als der exilierte Oppositionsführer Reza Pahlavi, von den Iranern nur «Schahzadeh» (Kronprinz) genannt, vergangenes Jahr dafür warb, dass der Westen mit gezielten Schlägen die terroristische Infrastruktur Irans schwäche, damit die Bevölkerung das Regime stürzen könne, da schloss er Bodentruppen kategorisch aus. Bodentruppen, sagte er, seien die Iraner selbst.
Mit dieser Fehleinschätzung stand er nicht allein da, sie wurde weithin in der iranischen Community geteilt, deren Stimme er ist. Wenn erst die führenden Köpfe der Pasdaran und Basij – der Terrormilizen, die im In- und Ausland agieren – ausgeschaltet seien, so sagte mir ein exilierter Iran-Fachmann noch vor einiger Zeit, dann werde das Regime zusammenbrechen.
Auf meinen Einwand hin, dass wir nicht wissen, wie die unteren Ränge der Pasdaran und Basij reagieren, ob sie weiterkämpfen oder aufgeben, erklärte er mir siegessicher: «Die werden fliehen», um noch einmal nachdrücklich deutlich zu machen, dass es keinen Zweifel gibt: «Die werden fliehen». Doch geflohen sind sie nicht.
Es gibt kein Beispiel für einen Regimesturz allein durch Luftschläge
Für die Islamische Republik ist ihr eigenes Überleben ein Sieg, mag sie auch militärisch und wirtschaftlich geschwächt sein. Die Kriegsziele der amerikanisch-israelischen Allianz hingegen wurden nicht erreicht: Das Atomrpogramm wurde nicht dauerhaft beendet, die Terrormilizen existieren weiterhin und auch die Rahmenbedingungen für einen Regimesturz wurden nicht erfüllt.
Einzig eine Dezimierung der Raketenarsenale und ihrer Abschussvorrichtungen ist gelungen, aber das ist zu wenig, um von einem Sieg über das Regime zu sprechen, das überdies auf massenhafte Drohnen zurückgriff, um sich zu verteidigen, womit es die Kriegskosten für die Amerikaner massiv in die Höhe trieb.
Denn die Amerikaner schossen die Drohnen mit Patriot-Raketen ab, von denen jede einzelne das hundertfache kostet. Gemessen an den Kriegszielen der beteiligten Parteien kommt man nicht umhin zu sagen: Die Islamische Republik hat nach Punkten gewonnen, auch wenn sie stark angeschlagen aus dem Ring steigt.
Die Vorstellung von der iranischen Bevölkerung als Bodentruppen ist verführerisch, aber ohne Bewaffnung können sie eben keine Bodentruppen sein. Seit dem 2. Weltkrieg gibt es kein Beispiel für einen Regimesturz allein durch Luftschläge. Im Falle Jugoslawiens und Libyens wurden die jeweiligen Regime durch Luftschläge lediglich geschwächt.
Gestürzt wurden sie am Ende durch Rebellen, die organisiert waren und über Waffen verfügten. Wäre das iranische Regime allein durch amerikanisch-israelische Luftschläge und eine unbewaffnete Bevölkerung gestürzt worden, hätte es sich dabei um ein absolutes Novum gehandelt. Daher wird es einen zweiten Versuch dieser Art nicht geben.
Noch vor kurzem gab es Analysten, die optimistisch gestimmt waren. Von einem halben bis zu drei Jahren, hiess es, könne es dauern, bis die Islamische Republik kollabiere. Schliesslich blockierten die USA die Strasse von Hormuz und damit den Geldzufluss für ein Regime, das seine Anhänger irgendwann nicht mehr würde bezahlen können.
Jetzt ist auch diese Gefahr für das Regime beseitigt, das zudem in naher Zukunft ungehindert Maut für die Wasserstrasse einnehmen und demnächst über von den USA eingefrorene Vermögen verfügen könnte, ohne dass die hereinströmenden Dollar-Milliarden der iranischen Bevölkerung zugute kommen werden.
Nur eine Atempause für Israel
Denn natürlich wird das Geld in die terroristische Infrastruktur gesteckt werden und zwar auch ausserhalb der eigenen Grenzen, also in Terrorgruppen im Jemen, in Irak und in Libanon. Das noch mehr als jetzt zu spüren bekommen werden die Israelis. Vor diesem Hintergrund mutet eine Äusserung von Kanzler Merz an die Adresse Israels einigermassen irrwitzig an.
Merz hatte Israel davor gewarnt, «Konflikttreiber» zu werden, gleich so, als suche das Land den Krieg. Der Kanzler begibt sich damit in das ideologische Fahrwasser linker Ideologen, die dem jüdischen Staat allen Ernstes vorwerfen, «endlose Kriege» führen zu wollen, als gäbe es ernsthaft die Option, gegen die eigenen Feinde die Hände in den Schoss zu legen.
Netanjahu mag im eigenen Land zunehmend unpopulär werden, aber natürlich steht eine Mehrheit der Israelis hinter einem Kampf gegen die Hisbollah, solange diese Israel angreift. Da der einzige Zweck der Hisbollah darin besteht, Israel zu vernichten, wird Krieg für Israel zum Dauerzustand – zumindest solange die Terrororganisation nicht zerschlagen ist.
Das aktuelle «Memorandum of Understanding» zwischen den USA und Iran ist zugleich der Triumph all derer, die schon immer wussten, dass es Trump und Netanjahu nie um die Menschen in Iran gegangen sei – als ob das, wenn es zuträfe, relevant wäre. Den Menschen in Iran nämlich kann es egal sein, aus welchem Grund sie befreit werden.
Warum das aber «eine nützliche Lüge» gewesen sein soll, wie der Daniel Bax in der «taz» findet, bleibt sein Geheimnis. Nützlich wofür? Israel hat mit dem Krieg für sich nur eine Atempause bewirken können, denn das Regime hat sich dessen Vernichtung auf die Fahnen geschrieben und wird es früher oder später wieder angreifen.
Frieden mit Terroristen kann es nicht geben und wird es nicht geben. Schon das alte Atomabkommen war von den iranischen Machthabern unterlaufen worden, wie Trumps Unterhändler Witkoff über sein erstes Treffen mit den iranischen Unterhändlern berichtete, die damit sogar prahlten. Derweil geht für die iranische Bevölkerung der Kampf weiter.
